Wasserkraft verfehlt Ausbauziel! Herrn Schaffert im Interview zu den Gründen

Herr Schaffert

Herr Ralph-Erik Schaffert ist Geschäftsführer des Wasserverband Bersenbrück

Thema: Wasserkraft verfehlt ihr Ausbauziel Guten Tag Herr Schaffert, können Sie so ungefähr sagen, wie hoch der prozentuale Anteil der Wasserkraft an den erneuerbaren Energien in Deutschland ist, und was ist das Wichtige an der Wasserkraft?



Wasserkraft hat den Vorteil, dass sie relativ zügig auch als Regelenergie eingesetzt werden kann, wenn man zum Beispiel Pumpspeicherkraftwerke bauen würde. Insofern hätte dies schon eine gewisse Relevanz, wenn man da mehr Möglichkeiten schaffen würde. Ansonsten ist sie meiner Meinung nach eher im Randbereich der erneuerbaren Energien zu finden von der reinen Erzeugung her. Das war früher noch eine sehr wichtige erneuerbare Energie, aber ich glaube, eine sehr große Menge an Wasserkraft steht nicht zur Verfügung. Ich schätze mal, dass die Wasserkraft im Bereich der erneuerbaren Energien vielleicht fünf bis zehn Prozent ausmacht.



Sie sagten Regelenergie, was genau bedeutet das?



Regelenergie bedeutet, dass letzlich dann, wenn die konventionellen Kraftwerke nach und nach abgeschaltet werden und die Windkraftanlagen auch nicht laufen, genug Energie zur Verfügung steht, um Deutschland mit Strom zu versorgen. Also auch Spitzenenergie abzudecken, oder Energie zwischenzuspeichern und dann anschließend geregelt dem Markt wieder zur Verfügung zu stellen. Denn es gibt ja mittlerweile das Phänomen, dass Strom verschenkt wird, oder man sogar zu bestimmten Zeiten Geld dafür bekommt, wenn man Strom abnimmt.



Einbau eines Feinrechens für den Fischschutz.

Thema Pumpspeicherkraftwerke – es gibt Überlegungen, dass mehr davon gebaut werden sollten, bevor man weitere Kohlekraftwerke baut, und so den Strom zu Spitzenlasten erzeugt. Wie stehen Sie dazu?



Also ich halte das für eine sehr sinnvolle Lösung. Es gibt genug Möglichkeiten, nur die politischen Restriktionen sind eben gewaltig, weil es doch ein großer Eingriff in die Natur ist in einigen Bereichen. Und wenn man das einmal vergleicht mit den Eingriffen von Windenergieanlagen, dann stellt sich die Frage, ob es nicht wirklich sinnvoll ist, den Energieüberschuss der Windenergie tatsächlich in Pumpspeicherkraftwerken zu nutzen, zumindest in Teilen, statt diesen Überschuss in Gas umzuwandeln. Anschließend kann die Energie dann wieder eingespeist werden, wenn nur wenig Wind zur Verfügung steht, denn der Wirkungsgrad ist enorm.



Was genau sind die gewaltigen Eingriffe, müssten dafür dann komplett neue Anlagen angelegt werden, vielleicht irgendwo in den Bergen?



Ja, Sie müssen Flüsse und Seen unten im Tal haben, und dann müssen in den Bergen entsprechende Speicherbecken geschaffen werden.



Dass da natürlich Widerstände kommen ist klar. Vielleicht ist es sinnvoll, hier klar abzuwägen ob es nicht sinnvoll ist, in diesem Bereich mehr zu machen, anstatt überall Kohlekraftwerke zu errichten.

Ja, denn wenn man 100 Prozent erneuerbare Energien will, hat dort Kohlekraft nichts zu suchen. Es muss entweder der eine Weg gegangen werden, oder es bleibt immer ein Gemisch, und das hilft uns letztlich auf Dauer auch nicht weiter.



Was könnte die Politik besser machen? Man hat irgendwie so das Gefühl, dass die Wasserkraft so ein bisschen stiefmütterlich behandelt wird. Gibt es da stärkere Interessenverbände in Richtung Windkraft oder auch Kohlekraft, also traditionelle Energieformen?



Also ich habe eher den Eindruck, dass ein bisschen kopflos gehandelt wird. Es scheint kein wirkliches Konzept hinter dem zu stehen, was zur Zeit umgesetzt wird. Es fehlt so ein bisschen das ingenieurmäßige Denken in der Politik, dass wirklich auch ein großes Konzept geschaffen wird, wie man die Zukunft eines Landes gestalten möchte in Bezug auf die Energieversorgung. Und da fehlt es meines Erachtens am schlüssigen Gesamtkonzept. Da hat die Wasserkraft sicherlich auch eine Funktion, die zur Zeit nicht entsprechend gewürdigt wird.



Einbau einer Turbine in den Turbinenschacht.

Könnte es sein, dass vielleicht einige Lobbyvereinigungen dies verhindern wollen, beispielsweise die RWE oder ähnliche, die gerade im Umschwung sind mit ihren Atomkraftwerken, oder ist es nicht der Fall, dass da jetzt massiv Einfluss genommen wird?



Ich denke schon dass diejenigen, die momentan sowieso schon große Probleme haben, ihre Kraftwerke wirtschaftlich zu betreiben, sicherlich nicht gerade begeistert davon sind, wenn sie wieder Konkurrenz bekommen, das mag durchaus sein. Letztendlich ist es aber jetzt für die Volkswirtschaft auch in gewissem Sinne eine Frage des Überlebens. Denn wenn es jetzt immer so weitergeht mit dem Zubau von Windenergie und Photovoltaik, dann wird es ein bisschen schwierig ohne Regelenergie.



Richtung Naturschutz geschaut, da sind ja auch immer die Fischereiverbände sehr restriktiv, sie argumentieren, dass die Fische zerhäckselt werden. Sehen sie da Lösungen, oder ist das auch oft nur auf falschen Informationen begründet? Wird der Bau von Anlagen teilweise so verhindert?



Grundsätzlich müsste man zunächst einmal die gesamtpolitische Lage sehen mit der Wasserrahmenrichtlinie, die die Durchgängigkeit aller Gewässer vorschreibt. Sie macht dann Fischaufstiege notwendig, die teilweise den Wasserkraftanlagenbetreibern von den Kosten her auferlegt werden. Dies reduziert nochmal die Wirtschaftlichkeit der Anlagen, aber ich sehe das auch als notwendig an. Auf der anderen Seite gibt es heute schon entsprechende Techniken, wir haben zum Beispiel auch eine Wasserkraftanlage, da haben wir in Absprache mit der Naturschutzbehörde im Zulaufbereich einen Feinrechen vorgeschaltet, der dann öfters geräumt werden muss. Dadurch hat man natürlich einen Mehranfall an Abfall, aber ich denke es ist heute möglich, entsprechende Vorrichtungen zu schaffen. Ich glaube nicht, dass man noch sehr große Probleme hat mit zerhäckselten Fischen, wenn man sehr feine Rechen hat. Das sehe ich nicht mehr als problematisch an. Ich sehe eher den Eingriff des Anstauens von Flüssen als Problem an, denn da wird ja das ganze Fließregime geändert, und dadurch kann es zu ökologischen Problemen kommen.



Das ist jetzt ein interessanter Einwurf. Die Fronten sind ja verhärtet, die Befürworter der Wasserkraft argumentieren, dass überhaupt nichts in der Natur passiert, und die Fischereiverbände sehen da alles nur ganz schwarz, aber Sie sagen jetzt als Wasserkraftbetreiber, dass da schon aufgepasst werden muss.



Ja, ich denke es muss eben schon eine gewisse Betrachtung erfolgen bei jedem Projekt, um einen Ausgleich zu schaffen. Das wird ja im Normalfall im Rahmen einer Planung auch gemacht. Insofern wird schon versucht, die Interessen bereits während der Planung auszugleichen und entsprechende Ausgleichsmaßnahmen zu schaffen. Da sehe ich sogar unter Umständen noch eine Chance für die Natur, dass bei solchen größeren Projekten eben auch entsprechend große Mittel für Auwälder usw. zur Verfügung gestellt werden, um die Natur auch dauerhaft zu erhalten. Das kann ja auch positiv sein. Wir sehen das dort, wo Großprojekte umgesetzt werden, dass dann durch Ausgleichsmaßnahmen neue Naturräume geschaffen werden. Ich möchte das jetzt nicht als Konflikt in dem Sinne darstellen, sondern ich glaube, dass es auch Chancen birgt.



Kann man vielleicht auch den Zustand, der vorher da war, verbessern?



Das meine ich ja damit, dass man die ausgeräumte Landschaft sieht und sagt, gut, wir investieren hier in eine Wasserkraftanlage und schaffen dann entsprechenden Ausgleich, der eben auch dem Gewässer zugute kommt in Form von Auwäldern oder auch Auen usw. Ich könnte mir schon vorstellen, dass das eine Chance ist, wenn Flächen erworben werden, die dem Naturschutz zur Verfügung gestellt werden.



Damit verbessert man sogar dann auch das gesamte Umweltbild



Genau, da ist dann die Umweltbilanz eher positiv, weil Sie letztendlich auch umweltfreundliche Energie erzeugen, das dürfen Sie ja auch nicht vergessen. Ich finde, bei vielen Projekten wird vergessen, dass alleine schon der Ansatz, Energie umweltfreundlich zu produzieren, auch bereits etwas Positives ist. Das wird oft bei diesen Projekten nicht in der Ökobilanz berücksichtigt.



Eine aktuelle Nachricht aus der Schweiz zeigt, dass dort die Wasserkraftbetreiber kaum noch wirtschaftlich arbeiten können, weil die anderen Energieformen so stark subventioniert werden. Wie ist das in Deutschland, ist das soweit in Ordnung, oder wünschen Sie sich da mehr Unterstützung?



Es wäre selbstverständlich schon schön, wenn das in etwa gleichgestellt werden würde mit Windenergie. Diese wird natürlich jetzt schon sehr vorrangig behandelt, insbesondere wenn ich an die Offshore-Energie denke. Insofern wird die Wasserkraft ein bisschen stiefmütterlich behandelt. An sich müsste es da zumindest eine gleichrangige Förderhöhe pro Kilowattstunde geben, damit man Anlagen, insbesondere auch kleinere Anlagen, wirtschaftlich betreiben kann, und das ist zur Zeit nicht der Fall. Vielleicht müsste dann auch eine stärkere Staffelung gemacht werden zwischen kleinen und größeren Anlagen, also größeren Bestandsanlagen und kleineren Neuanlagen, um das ein bisschen mehr zu fördern.



Sind Sie selbst noch zufrieden, kann man die Anlagen noch betreiben oder ist das auch schon ein Problem in Deutschland mit den kleineren Anlagen bezogen auf den Strompreis?



Das kommt immer auf die einzelne Konstellation an. Ich denke, wenn jetzt Bestandsanlagen vorhanden sind, die weitgehend abgeschrieben sind, wo nur die Maschinentechnik und die Elektrotechnik ab und zu erneuert werden muss und bestimmte Reparaturmaßnahmen durchgeführt werden müssen, dann ist das sicherlich aktuell noch ein attraktiver Strompreis. Dieser führt dann auch dazu, dass man noch einen Ertrag erwirtschaften oder zumindest die Kosten decken kann. Ich glaube auch, dass das bei Neuanlagen eben nicht reicht, weil die Auflagen heute enorm angezogen haben und dadurch kleinere Anlagen unwirtschaftlich werden. Daher werden sie oft auch nicht gebaut.



Ihr Fazit



Grundsätzlich halte ich die Wasserkraft für eine wichtige Energieform, die man auch gerade im Rahmen der Umstellung der Energieversorgung in Deutschland noch viel stärker in den Fokus bringen und fördern müsste. Zudem müssten auch entsprechende Projekte angestoßen werden, die dann eine sichere Energieversorgung mit Regelenergie sicherstellen, gerade auch über die Wasserkraft, und da fehlt es meiner Meinung nach auch an der Akzeptanz in der Bevölkerung und an der Unterstützung der Politik. Die Wasserkraft müsste letztendlich mehr Unterstützung bekommen.